in Artikelserie: Freak City - 16.6.2011

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“Basketball in Bamberg - das ist mehr Basketball als anderswo. Hier fiebert eine Stadt mit, wenngleich sie sich in der Halle nur durch 1500 [inzw.6900] Besucher repräsentieren lassen kann. Man muss weit suchen, um eine ähnliche Symbiose zwischen Sport und Zuschauer zu finden. Hier wird mitgelitten und mittriumphiert. Eine Stadt scheint solche solche Möglichkeit, sich zu begeistern und stellvertretend für die Mannschaft auf sich selbst stolz sein zu können, dringend zu gebrauchen.”
Dieses Zitat ist dem Fränkischen Tag entnommen. Es zeigt das ‘WIR-Gefühl’ der Stadt Bamberg. Das Besondere: Der Artikel wurde im Jahr 1970 geschrieben, nach dem sensationellen Aufstieg in die Basketballbundesliga.
500 Bamberger waren damals beim Entscheidungsspiel in Darmstadt. “Die Invasion”, titelte die Zeitung. Mit ihrem gefürchteten Schlachtruf “FC BAM-BERG-EI-EI-EI-EI!” wurde dem Gastgeber von Anfang an klar gemacht, wer dieses Spiel gewinnen will und wird.
Nur ein Jahr später kam es wieder zum Entscheidungsspiel - diesmal ging es um den Klassenerhalt. Das Spiel gegen den USC Mainz fand damals noch in der legendären J.F.Kennedy-Halle statt. Mit Klappstühlen und Tee hatten sich die Fans schon Stunden vor der Ladenöffnung der einzigen Vorverkaufsstelle “Ostrwoskys Schmuckkästla” vor dieser eingefunden. Schüler schwänzten den Unterricht, Bedienstete ließen sich freigeben, Fans parkten im Parkverbot. Innerhalb einer halben Stunde waren alle Karten weg. Das Spiel wurde mit 92:86 gewonnen und die Klasse gehalten. 6000 Karten hätte man für das Spiel verkaufen können…niemand ahnte, dass das 40 Jahre später längst zur Normalität geworden war.
Das Leben ist ein Anstieg…
Die 70er Jahre sind geprägt von Höhen und Tiefen. ‘Duci’ Simonovic, Gerhard Brand und Jim Wade waren die prägenden Figuren dieser Zeit. Der Etat beträgt in dieser Zeit etwa 250.000 Mark. 100.000 durch Ticketeinnahmen, der Rest durch sehr viele kleine Werbeanzeigen in der Halle und durch Spenden.
Nein, Geld hat dieser Verein nicht. Aber eine Mannschaft die zusammenhält und Verantwortliche, die Alles für diesen Verein geben.
Nach dem Abstieg 1978 (Viele sahen damals - auch aufgrund des Zuschauerschwunds - eine Ära zu Ende gehen.) schaffte man es erst 1984 wieder, sich langfristig in der Bundesliga zu halten. Seit diesem Jahr ist Bamberg durchgängig im Basketballoberhaus zu Hause.
Um Kennith Sweet und Holger Geschwindner hatte man eine schlagkräftige Truppe zusammen, die - so der Plan der Vereinsführung - in den nächsten Jahren deutscher Meister werden soll.
Einige können sich bestimmt noch an den sensationellen Sieg gegen den SSV Hagen 1985 in der Graf-Stauffenberg-Halle erinnern. In den letzten Sekunden machte man noch einen 6-Punkte Rückstand wett und gewann dann sogar mit 82:79. Kennith Sweet mit 2 Dreiern und Armin Andres mit 3 Freiwürfen entschieden dieses Spiel zugunsten der Bamberger und sicherten ihrem Team damit die Tabellenführung.
Den heiß ersehnten ersten Titel gab es jedoch erst 1992: Mit einem 74:68 im Heimspiel gegen Ludwigsburg sicherte man sich den Pokalsieg. Ganz Bamberg feierte seine Helden.
Im Halbfinale war man dann gegen die ‘Giganten’ aus Leverkusen (Etat:4 Millionen) chancenlos, doch das störte die Bamberger nicht. Im Jubiläumsbuch steht hierzu:
“Zwar bildete Bayer Leverkusen ein schier unüberwindliches Hindernis, aber ausgerechnet die durch die Verletzungen von Sretenovic und Nürnberger bereits vor dem Anpfiff aussichtslos gewordene Heimpartie verdient eine besondere Erwähnung: Ein ausverkauftes Haus wurde nicht müde, den Pokal in Sprechchören nachzufeiern und jeden gelungenen Angriffszug der TTL-Youngsters Zapf und Gese frenetisch zu begleiten. Da war sie wieder zu spüren, die Einheit von Mannschaft und Fans, die das Team so dringend brauchte und die Basketball-Bamberg in ganz Deutschland berühmt gemacht hatte.”
Was folgte waren bis zur Saison 1997/98 neun(!) Jahre ohne Verpassen des Halbfinaleinzuges. Bamberg ‘surfte’ auf einer Welle des Erfolgs - einzig die Meisterschaft ließ noch immer auf sich warten.
1999 dann der Schock: Der Vereinspräsident kündigte an, aufgrund finanzieller Gründe die Erstligalizenz zurückzugeben. Doch der Bamberger Basketball konnte - quasi über Nacht - gerettet werden. Fortan übernahm Wolfgang Heyder das Amt des Geschäftsführers.
Freute man sich in dieser Saison noch über den Klassenerhalt, setzte man sich für 2001 schon wieder ganz andere Ziele: Mit Dirk Bauermann als Headcoach und dem Umzug ins ‘Forum’ nahm man wieder die Meisterschaft ins Visier. Nach dem Aus im Viertelfinale gegen Bonn waren die Fans und das Trainerteam sehr zufrieden.
In der nächsten Saison dann zog man als Tabellen-Fünfter sensationell ins Finale ein, wo gegen ALBA Berlin allerdings nichts zu holen war.
Doch das machte nichts: Die Euphorie in Bamberg kannte ob des Finaleinzugs keine Grenzen mehr: Nach langer, langer Zeit bildeten sich wieder schon nachts Schlangen vor den Kassenhäuschen; ein Fan rannte sogar nackt über den Maxplatz, um eine Karte zu ergattern. Basketball und Bamberg - das gehört zusammen.
Die Playoffs 2004 sollten dann als die Geburt der ALBA-Killer in die Geschichte eingehen. Nach zuvor 7 Meistertiteln in Serie schlugen die Basketballer aus Bamberg den Branchenkrösus im Halbfinale mit 3:2.
Für die Bamberger war es mehr als ein Finaleinzug: Das kleine fränkische Dorf hatte die Millionenmetropole und Deutschlands (Basketball-)Hauptstadt geschlagen. Vielleicht hatte die Bamberger Mannschaft nicht die spielerischen Mittel von ALBA Berlin, aber sie zeigten das, was sie schon immer ausmachten: Kampf, Einsatz, Wille, Zusammenhalt, Emotionen. Und jeder, wirklich jeder, konnte sich mit diesem Team identifizieren.
…aber von oben hast du ‘ne tolle Aussicht!
Was dann folgte ist jedem bekannt: Die Kleinstadt im Herzen Frankens schrieb einmal mehr Basketballgeschichte: Mit 3:2 entschied sie die Finalserie gegen Frankfurt für sich und wurden zum ersten Mal Deutscher Meister.
Jeder emotionale Schrei, Jede Sekunde Klatschen, jeder geronnene Schweißtropfen, jeder Funken Schmerz, jede ausgelöste Trauer, jede unfassbare Freude, jedes Momentchen Glück, jede vergossene Träne der letzten 40 Jahre: ALLES entlädt sich in dieser legendären Nacht des 23.Juni 2005. Und Bamberg ist an diesen Tagen einmal mehr eine Einheit. Schulter an Schulter, die ganze Stadt. Vom neugeborenen Baby bis zur gebrechlichen Großmutter:
WIR sind Meister.
Und wer an diesen Tag in unserer Stadt war, der konnte es fühlen. Der wusste es, ohne es zu wissen: Hier ist etwas Besonderes passiert. Der Traum einer ganzen Stadt war erfüllt worden.
Fortan folgte ein Highlight dem Anderen: Mitreißende Euroleagesiege gegen europäische Größen wie Athen oder Treviso, die Meisterschaft 2007 mit unserem Casey Jacobsen…
Es war wie im Märchen. Und das Märchen ging weiter.
2008 übernahm Chris Fleming das Trainerzepter von Dirk Bauermann. Er trat in große Fußstapfen, und das bekam er zunächst auch zu spüren: Nach einem desaströsen Start wurden vermehrt Stimmen laut, die seine Entlassung forderten. Doch sowohl die Vereinsführung als auch Chris Fleming blieben souverän. Am Ende stand ein versöhnliches Halbfinale gegen Oldenburg, das erst nach großem Kampf im dritten Spiel verloren wurde.
Dann kam das Jahr 2010.
Wieder begann Bamberg schlecht, doch sie steigerten sich die komplette Saison über.
In Frankfurt holte man sich am 11.April - genau 40 Jahre nach dem Aufstieg - den Pokalsieg.
1000 Bamberger Auswärtsfans feuerten ihre Mannschaft unermüdlich an und konnten so am Ende ein 76:75 im Finale gegen Frankfurt feiern.
In den Playoffs ging es wieder gegen Frankfurt, und nach einer spannenden 5-Spiele-Serie waren die Brose Baskets und mit ihnen die ganze Stadt zum dritten Mal deutscher Meister.
Nach dem schweren Anstieg der vergangenen Jahre nun solche Erfolge: Bamberg war stolz auf seine Helden.
Auch in diesem Jahr lief es bisher nahezu perfekt: Glanzvolle Euroleagueabende mit Siegen gegen Madrid und Piräus brachten Respekt in ganz Europa. In der heimischen ‘Frankenhölle’ wurde der Pokal gegen Braunschweig verteidigt und die Hauptrunde schloss man mit nur 2 Niederlagen ab. Zwischendurch gab es drei 100er in Folge; mit dabei ein unfassbares 103:52 gegen ALBA Berlin.
Doch all das zählt nichts, wenn wir nicht Meister werden. Und genau diese Chance haben wir am Samstag. Wir alle. Bamberg - Berlin. Das kleine fränkische Dorf gegen die Millionenmetropole. Spiel 5. Der Finalshowdown in der Stechert Arena.
Ich glaube, man muss Bamberger sein, um das Gefühl beim Gang zur Stechert Arena zu kennen. Wenn man die anderen Freaks sieht. Alle in rot. Wenn einem überall Autofahnen entgegenwehen. Wenn man die Anspannung und den Stolz förmlich greifen kann. Das ist UNSERE Stadt!
Und wir Alle werden es fühlen, am Samstag in der Stechert Arena. Egal ob Bürgermeister oder 1€-Jobber. All das zählt dann nicht mehr. EIN Bamberg. Geschlossen hinter der Mannschaft.
Wir werden es fühlen, den vergossenen Schweiß in der J.F.Kennedy-Halle, die Höhen und Tiefen aus der Zeit der Graf-Stauffenberg-Halle, den schweren Anstieg der vergangenen Jahre. Und wir wissen, nach dem Spiel können wir oben stehen. Oben auf dem Berg.
Ein bisschen erschöpft vielleicht, mit einem wehenden Schal um den Hals und mit einem roten Gesicht, auf das sich längst ein Lächeln geschlichen hat.
WIR werden da gemeinsam oben stehen, Schulter an Schulter, wie wir es immer getan haben. WIR haben das ‘WIR’ im Herzen. Und Herzen sind ja bekanntlich rot.
Nachtrag:
Punkt 22:51 Uhr war es, da leuchtete am Videowürfel ein Schriftzug auf. „WIR sind Meister“ stand da. Bamberg hatte es als erste Mannschaft geschafft, das Double aus Pokal und Meisterschaft zu verteidigen. Bamberg sollte auch nächstes Jahr wieder in der Euroleague antreten. Bamberg war oben. Und das feierten wir, so wie es sich gehört. Mit dem Schal um den Hals, mit einem – sei es durch Farbe, Erschöpfung oder Freude – roten Gesicht und einem breiten Grinsen.
Hinter uns lag ein Spiel, wie es wohl dramatischer hätte nicht sein können. 90 Sekunden vor dem Ende der Partie traf Berlins Bryce Taylor einen Dreier aus unglaublicher Distanz und sorgte für eine 2-Punkte-Führung für ALBA. Doch John Goldsberry – der mit doppeltem Bänderriss spielte – und „Mr.Buzzerbeater“ Brian Roberts antworteten ihrerseits mit zwei Dreipunktewürfen und sicherten somit die Meisterschaft.
Die ganze Arbeit einer langen Saison…am Ende entschieden 2 Dreier. Bambergs Basketballer behielten wieder einmal kühlen Kopf in den entscheidenden Momenten und sorgten so für nicht in Worte zu fassende Begeisterung bei den Fans in der Halle und auf dem Maxplatz.
Berliner nannten den Lärm in unserem „Wohnzimmer“ Körperverletzung, und damit hatten sie beinahe Recht. Trotz 700 Gästefans veranstalteten die Bambergfans in der Frankenhölle einen Lärm, wie es manch Berliner wohl noch nie erlebt hatte.
Brian Roberts sagte nach der Partie, dass das Team „die ganze Zeit die Gewissheit gehabt hätte, dass es zu Hause einfach nicht verlieren könne“.
Die nächste Saison wird wohl als eine der spannendsten Spielzeiten jemals in die Geschichte eingehen. Nahezu jedes Playoffteam kann den Titel gewinnen.
Wir gehen mit der Gewissheit in die Saison zu Hause jedes, absolut jedes Spiel gewinnen zu können. Nicht nur national, sondern auch auf europäischer Ebene.
Das haben wir letztes Jahr gegen Madrid und Piräus bewiesen und das werden wir auch dieses Jahr beweisen, wenn es wieder heißt:
„Wir befinden uns im Jahre 2011 n. Chr. In der Euroleague leisten sich die Millionenmetropolen Europas einen Kampf um die Krone...Nur Großstädte? Nein! Ein von unbeugsamen Bauern bevölkertes Dorf hört nicht auf, den Budgetriesen Widerstand zu leisten.
Und das Leben ist nicht leicht für die internationalen Starensembles...“
Der Dank für diesen Artikel gilt dem schoenen-dunk.de - User "backdoor_cut".
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